Familie Brender, Todtnauberg

«Wir lassen uns gern in die Karten schauen»

Reinhard Brender freut sich, dass sein Sohn Michael Hofnachfolger wird. Und mehr noch, dass Michael dabei mit einem alten Grundsatz bricht.

Von Mathias Heybrock

Ein Glücksfall, sagt Reinhard Brender, sei sein Sohn Michael. Eine Ausnahme.

«Man freut sich einfach», fährt der 61-jährige Landwirt aus Todtnauberg fort. «Weil man sich genau das wünscht. Dass jemand weitermacht». Mit dem Sunmattehof, oben am Hang, nahe der Lifte unterhalb der Kapelle in Todtnauberg. 

Michael Brender wird ihn dann in der fünften Generation führen – sein Ur-Urgroßvater erwarb das Haus im Jahr 1888.

Eine Ausnahme sei der Michael, weil er zwar einerseits weitermacht – aber andererseits zum Glück nicht wie bisher.

«So haben wir das immer schon gemacht» – mit diesem alten Grundsatz wird nun gebrochen

«Mein Vater hat den Hof so geführt wie vor ihm mein Großvater», erklärt Reinhard Brender. «Und ich habe es dann so gemacht wie mein Vater.» Natürlich gab es Veränderungen, die Maschinen zum Beispiel kamen dazu. «Aber im Großen und Ganzen war es doch so wie es immer schon war.» 

«So haben wir das schon immer gemacht», lautete der alte Grundsatz. Michael Brender bricht mit ihm. Schaut sich außerhalb des familieneigenen Hofes um, lässt sich inspirieren, kommt auf andere Ideen.

«Ich probiere halt gern aus»

«Schon als Teenager war er so», erinnert sein Vater sich. Da kam sein Sohn eines Tages mit einem Vorführ-Traktor heim. Er hatte etwas darüber gelesen, ging eigenständig zum Händler, lieh sich die Maschine für einen Test aus. Und sagte daheim dann: «Schau mal Papa, könnte das was für uns sein? Könnte der uns helfen? Würde uns das voranbringen?»

«Ich probiere halt gern aus», beschreibt Michael Brender es selbst. Er bespricht seine Ideen dann, in der Familie, auch außerhalb: «Es gibt hier im Ort einige Landwirte, die ebenfalls sehr engagiert sind. Wenn ich mich mit denen austausche, erhalte ich immer eine ehrliche Meinung.»

«Unsere Flächen hier oben sind überhaupt nicht schlecht»

Kürzlich überlegte Michael Brender, ob sich die Bodenqualität der hofeigenen Flächen verbessern lässt, in dem man Kalk ausbringt. 

«Unsere Flächen hier oben sind überhaupt nicht schlecht», erklärt der Nachfolger zunächst. Auch nicht zu steil. 95 Prozent lassen sich mit dem Schlepper bewirtschaften. Moore gibt es ebenfalls keine. 

«Aber ich hatte etwas über das Kalken gelesen», fährt Brender dann fort. «Es erschien mir einleuchtend – und ich wollte sehen, ob es was bringt». Also investierte er und lieh eine Maschine zum Ausbringen, «die größer war als mein Schlepper.» 

Michael Brender findet, es hat sich gelohnt. Auch sein Vater stimmt zu: Er habe schon den Eindruck, dass da etwas passiert sei. Der Ertrag auf den Flächen erhöhe sich, das Gras sähe einfach gesünder aus. 

Sich informieren, Vergleiche anstellen, von erfolgreichen Vorbildern lernen: Das sind die Grundsätze von Michael Brender. Er hospitierte bei einem Hof in Österreich. Auch bei einem Vollerwerb-Landwirt aus Bernau. Und fand, da könne man sich etwas für die eigene Landwirtschaft abschauen. 

Ein Agraringenieur kommt zu Besuch

Brender machte einen Plan, wie er den Hof führen möchte, wenn er übernimmt (siehe untenstehendes Interview). Ein zentrales Element dabei ist der neue Stall, etwas oberhalb des Hauses. Der alte im Eindachhof selbst «ist einfach zu klein» sagt Michael. «Da ziehen wir dann rein», meint er mit Bezug auf sich und seine Freundin Lena. 

Brender hat allerdings nicht nur ein Konzept erstellt – er ließ es auch auf Herz und Nieren prüfen. «Das war ein Tipp von dem Landwirt aus Bernau», so Brender, «der wusste, dass man das kostenfrei machen kann.» 

Finanziert wird diese Prüfung vom Landwirtschaftsministerium in Stuttgart, das einen  Agraringenieur aus Aitern beauftragte. Der kam, schaute sich den Hof an, ließ sich Brenders Plan erklären, berechnete  auf der Grundlage heutiger Förderrichtlinien und befand – das wird klappen. 

«Es wird sowieso alles transparent»

«Der hat uns auch gesagt, dass wir erst der vierte Hof im Landkreis sind, der das Angebot einer solchen Prüfung annahm» erinnert sich Reinhard Brender. Der Prüfer habe dafür folgende Erklärung «Viele Bauern lassen sich noch immer nicht gern in die Karten schauen.» 

Familie Brender hatte überhaupt nichts dagegen. «Das ist ja schließlich auch die heutige Zeit», sagt Reinhard Brender: «Es wird sowieso alles transparent.» Selbst der Verdienst des Nachbarn, von dem man ja wisse, wieviel Fläche er hat und was er an Ausgleichszahlung dafür bekommt. «Das kann sich jeder ausrechnen.» 

Transparenz ist immer gut, auch in der Familie: Wer möchte was, wie geht das mit den Plänen und Terminen der anderen zusammen. «Wir haben eigentlich immer versucht, einmal am Tag zusammenzusitzen», sagt der Vater. Jetzt, wo die Kinder erwachsen sind, wird es zwar schwieriger, «aber es klappt ziemlich regelmäßig immer noch.»

«Ich sag zum Vater schon mal, jetzt musst du das Mähwerk weg sperren»

Hinsichtlich der Hofübergabe gab es dabei nie viel zu bereden. «Meine ältere Schwester war nicht wirklich interessiert an der Landwirtschaft», sagt Michael Brender. Eigentlich habe sie sogar aus Todtnauberg weggewollte, fährt er fort und zeigt dann auf ein Haus unterhalb des Hofes: «Hat sich aber doch anders entschieden.» Auch Michaels jüngerer Bruder Florian wollte den Hof nicht. «Er ist mehr so der Handwerker und macht lieber Sachen im und um das Haus», sagt sein Vater.  

Für Michael hingegen war es nie eine Frage. Er beschreibt Landwirtschaft als «eine Art Sucht. Ich mag eben die Maschinen. Ich sag zum Vater schon mal, jetzt musst du das Mähwerk wegsperren. Sonst fahr ich auch den ganzen Winter noch damit herum.“ 

Die Komplimente, die sein Vater ihm zu Beginn des Gesprächs machte, gibt er gerne zurück. «Ich habe ebenfalls Glück gehabt: Mein Vater hat mich immer machen lassen, ich durfte früh selbstständig Entscheidungen treffen.» Auf die Frage, ob diese Fähigkeit ein Erbe des eigenen Vater sei, überlegt Reinhard Brender einen Moment und schüttelt dann sachte den Kopf: «Eher von der Mutter.»


«Landwirtschaft soll nicht bloß Hobby sein»

Michael Brender ist Hofnachfolger auf dem Sunmattehof Todtnauberg. Für den entwickelte er ein neues Konzept. 

Interview: Mathias Heybrock

Michael Brender, wie wirtschaftet der Sunmattehof heute?

Sehr ähnlich wie alle anderen Landwirte im Ort. Wir halten 5 bis 6 Kühe in Mutterkuhhaltung, die Kälber verkaufen wir. Eine weitere Einnahmequelle sind unsere drei Ferienwohnungen, die von meiner Mutter geführt werden. Den Hof betreiben wir im Nebenerwerb. Mein Vater und ich arbeiten beide Vollzeit. Im selben Beruf übrigens – Industriemechaniker. 

Und was haben Sie in Zukunft vor?

Ich möchte den Mutterkuhbestand vergrößern, mehr Kühe und Kälber halten. Das kann ich aber nur mit einem größeren Stall, den ich bauen möchte. 

Warum?

Wenn unsere Kälber geboren werden, können sie nur wenige Monate bei uns bleiben. Ab einer gewissen Größe wird es sonst zu eng im alten Stall. Wir geben die Tiere dann zur Erzeugergemeinschaft. Doch eigentlich geschieht das zu früh – wir verdienen dann kaum an den Tieren. Können wir sie länger halten, bleibt auch mehr Wertschöpfung bei uns. 

Klingt gut.

Für die Tiere selbst ist es auch besser, die liegen mir nämlich am Herzen. Sie sollen nicht jung auf den Transporter und stundenlang in der Gegend herumkutschiert werden. Zukünftig wächst das Kalb bis zur Schlachtung bei der Mutter und anschließend zusammen mit den anderen Kälbern bei uns im Stall auf.

Wann haben Sie zum ersten Mal über einen neuen Stall nachgedacht?

Ich glaube, über den Stall denke ich nach, seit ich 14 bin, also mehr als die Hälfte meines Lebens. Aber richtig konkret erst seit zwei Jahren. Da begann ich mit meinem Konzept.

Was sind die nächsten Schritte?

Für den Stall stellen wir bei der Gemeinde bald eine Bauvoranfrage – einfach damit die wissen, da kommt etwas auf sie zu. Und dann brauche ich mehr Fläche.

Wieviel haben Sie jetzt?

Jeder Hof hier hat eigene Flächen. Bei uns sind es 3,5 Hektar. Zusätzlich bewirten die Landwirte auch Flächen, die im Besitz der Gemeinde oder privater Eigner sind. Bei uns sind das 13,5 Hektar. Diese Flächen erhält man ohne Pacht – bewirtet sie aber auch ohne finanzielle Gegenleistung von der Gemeinde. Man behält das Heu, dass man auf diesen Flächen macht.

Und wo kriegen Sie mehr Fläche her?

Ich bin zuversichtlich, dass ich sie von der Gemeinde kriege. Manchmal gibt es Bauern, die fast zu viel Fläche haben. Soviel Heuertrag können sie gar nicht brauchen. Aus Pflichtbewusstsein betreuen sie die Flächen aber trotzdem. Deswegen haben wir in der Gemeinde schon mal unseren künftigen Bedarf angemeldet. Flächen von Privaten werde ich wohl zusätzlich brauchen. Da muss ich halt Klinken putzen.

Und wie finden die anderen Landwirte Ihr Konzept? Sagt niemand, Du kriegst meine Flächen nicht, ich will selbst etwas Ähnliches machen?

Das habe ich jetzt eigentlich noch nicht gehört. Ich stoße eher auf Zustimmung. Auch, weil das Konzept nicht nur mir nutzt, sondern auch den anderen.

Ja?

Den Stall wird für 10 Kühe geplant, dazu kommen dann die Kälber. Von uns wird nur die Hälfte der Kälber sein, die zum Schlachten kommen. Den anderen Landwirten geht es genauso wie uns – sie geben ihre Kälber zu früh an die Erzeugergemeinschaft. Auch sie sollen ihre Tiere also bei uns einstellen können. Über die Art der Kompensation muss noch gesprochen erden – es soll sich für alle lohnen. Dann bleibt insgesamt mehr Wertschöpfung in Todtnauberg.

Es gibt im Ort also keine Konkurrenz um die Flächen?

Zum Glück eher nicht. Das liegt eben daran, dass für die kommunalen Flächen keine Pacht verlangt wird. Niemand kann nach Ende des Vertrages kommen und sagen, ich zahl dir einen Euro mehr oder zwei. Das hat die Generation meines Vaters gemeinsam entschieden, dass das so gemacht wird – da können wir noch heute dankbar für sein. Und zudem: Vielleicht finde ich ja auch noch eine Lösung, bei der ich gar nicht soviel Fläche brauche. 

Wie?

Es gibt ja heute dieses Ding namens Internet. Da habe ich bei Recherchen gelesen, dass Gras ungefähr acht Wochen nach dem Schnitt den höchsten Nährwert hat. Das wussten natürlich schon die Alten – die haben nur nicht von Nährwert gesprochen, sondern gesagt, das Gras hört zu diesem Zeitpunkt auf zu wachsen. Und aufgrund dieser Information habe ich gedacht: Warum probiere nicht einmal den dritten Schnitt. Das hilft mir nämlich enorm. Ich habe dann mehr Futter-Ertrag auf der alten Fläche – und brauche weniger neue.

Ist es ungewöhnlich, drei Mal zu schneiden?

Im Ort sind wir schon ein paar Landwirte, die das versuchen. Üblicherweise schneidet man aber zwei Mal. Da wird man schon auch mal komisch angeschaut, wenn man das dann anders macht. Aber das kann ich aushalten. Es ist ein Experiment, wenn man so will. Ich mache das einfach gern, mag es, auszuprobieren: Was funktioniert, was nicht.

Können Sie ein erstes Fazit ziehen?

Mit dem ersten Jahr bin ich sehr zufrieden. Ich werde das auf jeden Fall weiterführen – richtig weiß man es ja erst, wenn man es ein paar Jahre gemacht hat. Ich muss natürlich darauf achten, dass die Flächen nach jedem Schnitt noch einmal eine Feuchtperiode bekommen, sonst kann nichts nachwachsen. Und ich achte auf die Artenvielfalt.

Wie?

Indem ich nicht die gesamte Fläche schneide, sondern jeweils nur die Hälfte – und die andere Hälfte später. So kann das Gras neu wachsen. Es können sich neue Blüten bilden, die Insekten dann wieder Nahrung geben. 

Wie geht es jetzt weiter?

Erst einmal mache ich jetzt meine Ausbildung zum Landwirt. Im Nebenerwerb, das ist eine eigene Fachrichtung. Ich werde das in Waldshut machen, jeweils nach meiner Arbeit als Industriemechaniker. Ohne diese Ausbildung kann ich als Landwirt gar nicht gefördert werden.

Seit wann ist das miteinander verknüpft?

Seit 2010 glaube ich. Ich finde das auch gut. Früher lernten die Söhne auf den Höfen der Eltern. An der Schule kriege ich aber einfach noch mal eine andere  Perspektive, weite meinen Blick. Das muss ich auch. Ich liebe Landwirtschaft…

Aber?

Ich möchte sie nicht nur als Hobby betreiben, das sich durch meinen Hauptberuf finanziert. Sie soll nicht mein einziger Beruf sein – aber eben einer, mit dem ich auch Geld verdiene.

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